Viva viva il Carnevale!

Der venezianische Karneval ist weltbekannt. Darum waren wir auch hier in Padua auf die Faschingszeit besonders gespannt. Schon im Januar wurden in der Kita Masken gebastelt und in der Schule Faschingslieder gesungen. Ein Lied gefällt mir besonders gut. Darin werden die traditionellen Figuren der Commedia dell’Arte vorgestellt, die in der italienischen Karnevalstradition eine wichtige Rolle spielen, zum Beispiel der Harlekin.

Richtige Vorfreude bekam man auch durch das viele Faschingsgebäck in den Auslagen der Bäckereien. Besonders beliebt waren bei Victoria und Valentina die bunten Kekse aus Mürbeteig mit Schokoladenfüllung in Form von Masken. Ein typisch italienisches Faschingsgebäck sind aber vor allem ganz dünn und knusprig ausgebackene Teigplatten mit viel Zucker. Wir haben sie unter dem Namen crostoli kennengelernt, je nach Region haben sie aber noch unzählige andere Bezeichnungen. Außerdem gibt es überall frittelle. Sie ähnelten den uns von zu Hause bekannten Quarkbällchen oder Kräppelchen. Die klassische Variante mit Rosinen war nichts für die beiden Mädchen, dafür waren die mit Vanillecreme- oder Schokoladenfüllung umso beliebter.

Richtig los ging die Faschingssaison für uns mit einer privat organisierten Feier. In der Region haben alle Kinder drei Tage Karnevalsferien (Rosenmontag bis Aschermittwoch), so dass es in der Schule keine Feier gab. Darum hatte eine Mutter einen Pfarrsaal gemietet und etwas zu Essen besorgt. Von zu Hause kenne ich Faschingsfeiern als fröhliches Miteinander mit Spielen wie Zeitungstanz, Stuhlpolonaise und „Laurentia, liebe Laurentia mein“. Hier gab es laute Musik, einen Tisch voller Süßigkeiten und Chips. Und sonst nichts! Die Kinder rannten wild herum und die einzige Beschäftigung bestand darin, aus den herumliegenden Luftschlagen den größten Haufen zu machen und alle mit Konfetti zu bewerfen. Mir fiel auch gleich auf, dass alle Kostüme in Komplettsets gekauft waren. Keiner schien das Kostüm selbst zusammengestellt, genäht oder improvisiert zu haben. Das hatte bei uns früher immer den besonderen Reiz am Verkleiden ausgemacht. Die beliebtesten Kostüme waren aber auch hier Superhelden und Prinzessinnen.

Victoria wollte ich noch schminken und hatte deswegen unser Kinderschminkzeug dabei. Als die anderen Kinder das sahen, waren sie völlig aus dem Häuschen. Da fing ich an, alle Kinder im Saal im Gesicht zu bemalen. Es entstanden Feen, Schmetterlinge, Einhörner, Tiger und Meeresprinzessinnen. Die Kinder waren richtig begeistert und am Abend waren alle bemalt. Auch die Mütter staunten, da sie so etwas ansonsten nur von bezahlten und extra engagierten Animateuren kannten.

Generell scheint das stundenlange, wilde Herumrennen und Haufen-aus-Luftschlangen-machen eine beliebte Karnevalsbeschäftigung bei den Italienern zu sein. An den Wochenenden und natürlich an den beiden eigentlichen Faschingstagen trifft man sich am Nachmittag auf der Piazza in der Stadt. Die Kinder sind verkleidet und die Erwachsenen lassen sich geduldig mit kiloweise coreandoli bewerfen. In Padua war das vor allem der kleine Platz vor dem berühmten Caffè Pedrocchi. Das wollten wir natürlich auch mal ausprobieren und verabredeten uns zu einem bunten Abend mit Freunden aus der Schule.

Die offizielle Faschingsveranstaltung der Stadt war jedoch ein großer Umzug am Sonntag vor Rosenmontag. Auf dem runden Prato della Valle fuhren zehn große Wagen im Kreis, davor Tanzgruppen oder Stelzenläufer. Die Wagen waren sehr phantasievoll, aufwändig und bunt gestaltet, viele Figuren darauf konnten sich sogar bewegen. Ein bestimmtes Thema wie Kritik an der Politik oder historische Begebenheiten konnte ich dabei allerdings nicht ausmachen. Ab besten gefallen hat uns ein Wagen mit Meerestieren, auch wenn die Krake darauf ziemlich irre in die Gegend gegrinst hat. Andere Figuren haben den Mädchen aber auch Angst gemacht. Überhaupt waren sie etwas überfordert von der extrem lauten Musik. Trotzdem war der Umzug sehr sehenswert und bei strahlend blauem Himmel war der Platz auch gut gefüllt.

Der Meerjung-Mann mit seiner irren Krake im Gefolge.
Diese große Fee hat Victoria besonders gefallen.
Nur ein hausaltsüblicher Vorrat an Konfetti.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Höhepunkt der Faschingszeit war für uns der Besuch des venezianischen Karnevals. Bewusst hatte ich dafür nicht das Wochenende oder den Faschingsdienstag ausgewählt. An diesen Tagen soll es dort unerträglich voll sein. Am Rosenmontag konnten wir viel sehen, sind aber auch gut durch die Stadt gekommen. Schon im Zug trafen wir drei Schwestern in selbstgeschneiderten, aufwändigen Kleidern im barocken Stil. Auch auf dem Weg durch die Gassen konnte man immer wieder prachtvoll kostümierte Paare oder Gruppen sehen. Auf dem Markusplatz tummelten sich natürlich die meisten Leute. Besonders eindrucksvoll waren die typischen barocken Kostüme mit weiten Röcken, vielen Rüschen und riesigen, federbesetzten Kopfbedeckungen. Sogar eine ganze verkleidete Familie haben wir gesehen. Allerdings taten mir die beiden kleinen Mädchen etwas leid, die den ganzen Tag von allen Seiten um Fotos gebeten wurden und dauernd stillstehen mussten. Denn in Venedig gilt: je auffälliger das Kostüm, desto beliebter ist man als Fotomotiv. Victoria musste sich zu Beginn ziemlich überwinden, die fremdartig aussehenden Leute direkt anzusprechen und um ein Foto zu bitten. Aber alle waren sehr freundlich und bald war niemand mehr vor ihr sicher.
Um die Mädchen auf dem Rückweg bei Laune zu halten, gab ich ihnen etwas Konfetti. Dabei entdeckten sie in Venedig eine ganz neue Qualität des Konfettiwerfens: nämlich die bunten Papierschnipsel von den Brücken auf die durchfahrenden Gondeln zu streuen. Nicht jeder Gondoliere war darüber glücklich…

Das kann ich mittlerweile gut nachvollziehen. Auch mir rieselt noch zwei Wochen nach Karneval regelmäßig ein bisschen Konfetti aus der Tasche. Langsam habe ich genug davon. Es ist schon gut, dass Fasching immer nur ein paar Tage im Jahr ist. Den Carnevale di Venezia einmal selbst mitzuerleben, mit all den aufwändigen Kostümen mit Rüschen, Federn, Masken und Perücken vor Kanälen, Brücken und Palästen, das war aber tatsächlich ein ganz besonderer Zauber.

 

 

Die drei Schwestern aus dem Zug haben wir dann auf dem Markusplatz wiedergetroffen.

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