Laurea – Von lorbeerenen Kronen und seltsamen Gesängen

Mitte Oktober:
Ich sitze in der Vorlesung und versuche, den vielen italienischen Fachbegriffen zu folgen, da hört man immer wieder von draußen einen Sprechgesang herüberwehen: „OOOOOOOOOeee, OOOOOeee….“ Dazu ab und an ein lautes Knallen. Was passiert da? Und was genau singen die da eigentlich?

Umweltfreundlich ist dieser Brauch zumindest nicht gerade…

Wenn ich dann aus dem Unigebäude trete, sehe ich hier derzeit jeden Tag schick gekleidete StudentInnen mit Lorbeerkranz auf dem Kopf, umringt von Freunden und Familie. Überall sieht man zudem verdreckte Bäume, an denen Überreste von Plakaten hängen. Was ist hier los? Nun muss ich dem Geschehen einmal auf den Grund gehen.

Es ist die Zeit der Laurea, des Hochschulabschlusses. Denn im Gegensatz zum Abitur wird der hier groß gefeiert. Das Wort Laurea kommt von der corona laurea, dem Lorbeerkranz (lat. laurus: der Lorbeer). Der wurde schon in der Antike für besondere Verdienste vergeben. Im 14. Und 15. Jahrhundert erhielten Dichter als höchste Auszeichnung eine Lorbeerkrönung und durften sich nun Poeta laureatus nennen. Diese Tradition hat sich in der Krönung der Hochschulabsolventen erhalten. Nach ihrer Verteidigung erhalten sie von Freunden und Familie den Kranz, oft noch geschmückt mit Blumen, und einen dazu abgestimmten Blumenstrauß. Vor der Uni gibt es dann erst einmal Konfettibomben, Fotos mit Krone, Strauß und der tesi (der Abschlussarbeit) und häufig noch ein Ständchen von Straßenmusikanten. Bevor es dann ins Restaurant geht, kommt vor allem hier in Padua allerdings noch ein richtig unangenehmer Teil: der Absolvent wird regelrecht an den Pranger gestellt.

Die eine genießt noch die Glückwünsche, die andere steckt bereits mitten im unangenehmen Teil.

Ein riesiges Plakat mit Karikatur, möglichst peinlichen Bildern und einem gedichteten Lebenslauf (natürlich voller unangenehmer Anekdoten) wird an einen Baum geklebt. Nachdem der frisch gebackene dottore* von seinen Freunden in ein verrücktes Kostüm gekleidet wird, muss er das Gedicht laut vorlesen. Verliest er sich, gibt es zur Strafe ein Glas Alkohol. (Fehlerquote und Alkoholpegel steigen entsprechend proportional an.) Dabei wird er außerdem mit lauter ekligen Sachen beworfen: Eier, Tomaten, Mehl… Das sieht mitunter schon nach einem ganz schönen Gemetzel aus.

Und nun zurück zu der Frage: was genau grölt die ganze Gruppe dabei immer wieder? Hier die Auflösung. Es heißt: „Dottore, dottore, dottore del buso del cul, vaffancul, vaffancul.“ (buso kommt von ital. buco: Loch, cul von ital. culo: Arsch. Vaffancul[o] ist ein entsprechendes modernes Schimpfwort dazu. Kurz gefasst: „Arschloch-Doktor!“)

Bei all dem bin ich dann doch ganz froh, meinen Abschluss wieder in Deutschland absolvieren zu können.

* Allerdings darf man mit diesem Abschluss noch nicht den Titel Dr. führen.

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